akute zeiten


eine spurensuche als petitio principii

eine verblühte sonnenblume riecht nach löwenzahn und die kahlen bäume am rande der wiese imaginieren sich zu einer maschinenruine.

 
der altweibersommer mit adipösen barockwolken läutet den
50. geburtstag ein. soll ich retardierend nun rückwärts leben und alles nochmal lesen?

 
weiter vorwärts und nicht vergessen, erst der bessere morgen ist die welt.
um die früchte der eigenen lebensmühen zu ernten, muss man aber bestimmt 100 jahre alt werden.

 
das globale geldvermögen vermehrt sich schneller. weltweit lagern 111 billionen euro auf bankkonten. und damit es als kavaliersdelikt durchgeht, haben sich hierzulande dieses jahr schon über 9.000 steuersünder selbstangezeigt.

 
drei millionen arbeitnehmer sind auf einen prekären zweitjob angewiesen, und wird das leben weiterhin teurer, irgendwann noch auf einen dritten.

 
eine artgerechte haltung der menschen gibt es wohl bloss in utopien, in der werbung oder einem einkaufszentrum. bezahlt wird sie jedoch mit einer nachhaltigen desillusionierung.

 
der tägliche grössenwahn in der meinungsbildung. fast jeder kann bis zu 200 worte in der minute artikulieren, aus einem fremden mund allerdings nicht mehr als 40 verstehen.

 
es ist beinahe unmöglich, nicht zu kommunizieren. wer es aber doch zu wege brächte...

 
trotz fehlender lehrstellenangebote wollen allzu wenige schul-abgänger eine polizei-laufbahn einschlagen.
die jugend wird intelligenter.

 
das ideal des entkommenen lebens: alles wird so erlebt, als wäre es bereits explodiert.

 
vielleicht kommt man mit neu und frei erfundenen, gänzlich unverständlichen worten zu anderen erkenntnissen. als ein radikaler narr.

 
staatliche grossprojekte wie der Berliner flughafen BER werden teurer und teurer, weil sie die verantwortenden politiker wegen technischer fehlplanungen nie eröffnen dürfen.

 
mal ganz heiss, dann ganz kalt, um die nerven zu beruhigen.
wieder sehnenscheidenentzündung und ich möchte andere hände haben. oder besser gar keine.

 
dass man seine normalität erst mit eine reihe von latenten tricks und sorgsam verborgenen verschrobenheiten aufrecht erhält, gibt zuweilen zu denken.

 
seitdem bei mega-sportveranstaltungen terroranschläge zu befürchten sind, wird beim Marathon langsamer gelaufen. wer zu schnell rennt, macht sich verdächtig.

 
mit steigendem alter mehr déjà-vu-erlebnisse. ganz gleich ob man sich dessen bewusst ist oder nicht.

 
was den sensiblen menschen nicht umhaut, macht ihn stärker oder abgeklärter.
deshalb nur sehr selten gläubig. und wenn, dann abergläubisch im nachhinein.

 
man darf nicht mehr Nabokovs Lolita googeln, da man nun den anfangsverdacht von kindes-missbrauch auf sich zieht. bald ist es vielleicht auch gefährlich, Andre Gide und Thomas Mann zu kennen.

 
die sexualität als letztmögliche direktheit und unkorrektheit.

 
am besten und vor allem sich superlative dauerhaft verbieten. manchmal heisst denken, eine zeitlang an überhaupt nichts zu denken (mein rat an einen jungen freund).

 
religionseifer wird nicht mehr belohnt. demnächst müssen auch junge ultraorthodoxe juden in Israel ihren militärdienst leisten.

 
was man alles so aufschreibt. was ist von einem selbst und was ist angelesen? man weiss es nicht mehr und will es eigentlich gar nicht wissen.

 
ich schlafe oft mit geballten fäusten, so als müsste gegen träume protestiert werden.

 
für visionen braucht man wegen dem kleingedruckten eine lupe und für utopien ein verkehrt herum gehaltenes fernrohr, um sie sich vom leibe zu halten.

 
internet-suchmaschinen verarbeiten pro tag bis zu 24 petabyte an daten, also informations-mengen mit 15 nullen. eine solche überdosis an meinungen und wahrheiten garantiert fast schon ein nirwana.

 
digitale medien sind vampire, weil sie tagtäglich informationen und meinungen resorbieren.

 
obwohl weniger gedrucktes gelesen wird, ist das sterben der buchläden zählebig. sie kündigen ab und zu eine geschäfts-aufgabe an, verramschen den bestand und bieten danach
immer trivialere ware an.

 
die sorge, dass menschen, die keine bücher lesen, gar nicht erreichbar sind. und es werden immer mehr.

 
immer öfter schreibe ich immer öfter. aus welchen gründen auch immer.
je mehr man weiss, desto schwieriger wird es, sich mit neuen ideen zu verblüffen (vielleicht ist es allein in philosophischen systemen möglich).

 
kein tag ohne akuten mangel.
wer hat die herzlosigkeit, sich noch eine angenehme zukunft auszumalen?

 
wahlkampfplakate hängen jetzt sogar im zoo. doch wen sollen die tiere wählen?
die primaten die primatenpartei?

 
gedanken besitzen, als prognose, als erinnerung, als distinktion, als flucht. und mitunter auch diese unheimliche vertrautheit, wenn man einmal verstanden wird.

 
wenn das in der hitze zu sagende und anklagende nicht wärmt, kann man immer noch böse leserbriefe schreiben.