mikado als symptom


(eine vage klarstellung)

"Die Umstände sind das Übliche, Gewohnheiten, Regeln, Etikette, Konventionen, alles das, was fraglos und fortwährend mitgeschleppt wird."

Hannes Böhringer


das Passbild in meinem Ausweis präsentiert mich als einen streng dreinblickenden Menschen. ich muss mich derart nicht oft zeigen. in Polizeikontrollen gerate ich kaum noch und in Ämtern werde ich so gut wie nie vorstellig. ich meide wegen der langen Schlangen den Gang ins Rathaus und kann deshalb meinen Berlin-Pass für subventionierte Kulturveranstaltungen nicht verlängern. da ich selten welche besuche, brauche ich ihn eigentlich nicht, und wenn doch, will man ihn gar nicht sehen, weil man mir meine bedürftige Vermögenslage wohl ansieht. beim ec-Kartenkauf muss ich meine Identität allerdings belegen und hoffe jedesmal auf die Pin-Eingabe, da es kniffliger wird, meine Unterschrift konstant zu halten. sie ist selten die gleiche und dieselbe schon gar nicht, so einzig dasselbe mit sich selbst identisch sein kann. meine Handschrift bricht bereits nach dem dritten Buchstaben ab, wie die Fingernägel, wenn ich sie nicht wöchentlich schneide, und die somit nie wie bei Deleuze zu tierischen Krallen heranwachsen.
während die Kontinente auseinander driften und sich der Weltraum mit Lichtgeschwindigkeit vergrössert, fällt es schwer, sich treu zu bleiben. man lebt in keiner autarken Lebensmitte, sondern bei andauernden Mieterhöhungen und ausbleibenden Honorierungen freigesetzter mit existentiellen Sorgen. die Phantasie muss aufpassen, dass sie sich in keinem Wolkenkuckucksheim verflüchtigt. es lässt sich zwar gut mit Masken spielen, die als einstudierte Mimik dafür sorgen, dass der Zugangscode zur Sozietät nicht verloren geht. letztendlich bleibt es ein vages Spiegeln und Abwägen, wie jemand sich selbst sieht und durch andere wahrgenommen wird. um sich auf die Schliche zu kommen, ist man auf die Erzählungen der Eltern und auf Fotos in Familienalben angewiesen, welche die Entwicklung ganz objektiv dokumentieren. häufig muss ich feststellen, dass Begebenheiten in meiner Erinnerung fehlen, oder dass ich sie ganz anders im Kopf oder im Bauch abgespeichert habe.
von einem Radiologen liess ich mich mal von oben bis unten seitlich und frontal röntgen. von vorn und hinten macht es keinen Sinn, so dabei das Gleiche herauskommt. die Aufnahmen übermalte ich mit Streifenmustern hyperdimensional, um mich in eine vierte Dimension zu transzendieren. dafür benutze ich die Struktur eines Tesserakts, der zerlegt und auf eine Fläche projiziert wurde. letztendlich hat mich das Ergebnis nicht überzeugt, so dass jene Arbeiten nie in eine Ausstellung kamen, obwohl eine Anfrage von einer Münchener Galerie vorlag. die übermalten Porträts verschwanden ungezeigt in einer Schublade meiner Grafikschränke. das phantasievolle Unterminieren der eigenen Wirklichkeit macht wohl erst Sinn, insofern es auch konsequent die Tiefe einer Sinnlosigkeit verkörpert, welche nur ein Verschwinden in sich sein kann.