überflieger in spe


(eine versuchte selbstheit)

"ja, manchmal war es ihm, als könne das Erwachen schon Einschlafen bedeuten. er fühlte mehrere Male deutlich, dass die Station, die seine Blicke nahmen, nicht dicht bei Gegenständen lagen, sondern im Undeutlichen Ungefähren daneben..."

Dieter Roth, Das Original


weil ich prägende Jahre in kleinen, drögen Städten leben musste, geniesse ich heute die Anonymität einer grossen. trotz fortschreitender Gentrifizierung und nachbarschaftlicher Entfremdung fühle ich mich hier geborgen. meine Ansprüche haben einen grossen Auslauf und ihre kleinen nachbarschaftlichen Hinterhofnischen. man kann sich gnadenlos mit Bekannten zerstreiten, man lernt neue kennen und, da selten jemand nachtragend ist, sich wieder mit alten zu verbändeln. für jeden ausgefallenen Geschmack findet sich Passables und muss es wohl, insofern kontinuierlich Menschen aus vielen Ländern und Kulturen herbeiströmen.
in meiner Heimatstadt Cottbus traf ich stets die gleichen Gleichgesinnten, um viele Gespräche als Dauer-Loop zu führen. es war selbst als mehr kultige Kneipen und Szene-Clubs für Abwechslung sorgten, schier ausgeschlossen davon abzuweichen. Spitznamen wurde man wie Vorurteile nicht los und hatte, da fast jeder jeden gut kannte, seit Jahren auf ewiggleiche Fragen mit den gleichen Argumenten zu parieren. wich ich davon ab, wurde es sogleich moniert. wer in dieser Enge miteinander verwoben ist, lebt in der Illusion einer Gemeinschaft, die in einer Selbigkeit des Zueinander-Passens, jeden erhöht, solange er bereit ist, in die Symphonie einer eingespielten Kommunität einzustimmen. hier konnte ich mit meiner LTI-Sprache, mit meinen hyperdimensionalen Würfelstrukturen nicht punkten, stattdessen wurde ich mit traschigen Körper-Videos, die lediglich einen Zeitvertreib bedeuteten, zu Ausstellungen eingeladen. irgendwann war es nicht mehr auszuhalten und ist es auch heute nur in homöopathischen Zügen für einen Tag, wenn ich zu Weihnachten oder an den runden Geburtstagen meiner Mutter in die ehemalige Heimat reise und dann zufällig jemandem begegne, der nicht wegkam.
ich bin froh, dass ich nicht mehr dazugehöre. doch meine seit zwei Jahrzehnten behauptete Wahlheimat Berlin ist ein teures Pflaster und auf die Dauer schwer zu halten. als brotloser, weil anspruchsvoller Künstler, bekomme ich ab und zu die Offerte, mich für ein Stipendium zu bewerben. es wird mit einer freien Logis angeboten, die meist eine Residenzpflicht ist. schlimmstenfalls muss dann ein geförderter Kreativer mit anderen Kreativen in der tiefsten Provinz wochenlang auskommen, um bis in die späten Abendstunden über nichts anderes als Kunstprojekte zu reden. oder er zieht sich in ein fremdes Atelier zurück und lebt abstinent wie ein Mönch. eine Familie ist im Leben eines freischaffenden Künstlers nicht vorgesehen und in Stipendienzeiten ausdrücklich unerwünscht. deshalb kann ich eine solche Förderung nur unbescheiden ablehnen, oder als mir mal ein Galerist versprach, mich für einen kreativen Aufenthalt im Schloss Balmoral zu unterstützen, diplomatisch ignorieren. der Gedanke, in einem Hinterland monatelang festzusitzen, ist ein nicht auszuhaltender Alptraum. in Berlin, wo zwar in manchem Kiez auch einzig Künstler den Ton angeben, sorgt ein unter Schutz stehendes Milieu immerhin noch für die rechte Abwechslung.