überflieger in spe


(eine versuchte selbstheit)

als Teenager zog es mich nicht in saturday-night-Diskotheken, sondern zu bukolischen Blues-Konzerten. dort war es heimeliger und nicht so laut. spätestens nach dem zweiten Rotweinglas oder der halben Flasche, waren selbst schüchterne Menschen wie ich Teil einer trauten Gemeinschaft. man schwelgte fast wie im siebenten Himmel, nur die melancholische Katerstimmung störten auf die Dauer. also suchte sich mein Musikgeschmack Deftigeres und landete beim Jazz, der sich in der DDR egozentrisch austobte und kein Schäss sein wollte. Anfang der 80er Jahre kollabierte er zu einer Musik, die an abenteuerlichen Freiheitsdrang alles andere auf grossen und kleinen Bühnen überbot.
als Lokalreporter schrieb ich später über jede besuchte Session einen Zweispalter und bekam dafür eine Freikarte. es ging indes nicht immer gut aus, da ich als musikalisch Unbedarfter das spielerische Vermögen zu vage taxierte und Extravaganzen nicht gebührend ernst nahm. der Saxophonist Dietmar Diesner ärgerte sich über einen meiner Artikel so sehr, dass er mir noch zehn Jahre später, als wir uns zufällig auf einer Geburtstagsparty trafen, deswegen Vorwürfe machte. bestimmt hat er es bis heute nicht vergessen, dass ich einen seiner Auftritte eine alberne Performance genannt habe. dies freilich zu recht, wie ich nach wie vor meine. einiges Dargebotene war, obwohl phantastisch intoniert, zuweilen affektiert und albern überzogen. es wurde zu heftig improvisiert und selten mit eingeübten Standards gespielt. in einer Gesellschaft der täglichen Reglementierungen tobte sich auf Bühnen ein subversives Spektakel aus und wurde in einem implodierenden autoritären Staat das Symptom eines allmählichen Verfalls.
in meiner Heimatstadt Cottbus organisierte eine Jazz-AG, geführt von einem umtriebigen Kulturmanager, monatlich Konzerte mit einheimischen Stars in Jugendklubs und jährlich Festivals, bei denen auch internationale Koryphäen im Rampenlicht standen. sie wagten von Westberlin aus gern einen Abstecher in den wilden Osten. hier feierte sie, die sonst kleine Bühnen in Bars oder Off-Theatern bespielten, ein dankbar herbeiströmendes Publikum. nach der Wiedervereinigung verlor der Free-Jazz seinen Reiz, nachdem er keine Provokation mehr verkörperte und das Leben Aufregenderes bot. zur Entspannung wollten die meisten Tanzbares wie den Cool Jazz hören. ich entdeckte die Neue Musik für mich, welche für die eigene Kunstproduktion inspirierender war. mit ihr konnte ich nächtelang programmieren, und für das entspannende Sinnieren erwählte ich mir die Klassik als Hintergrund-Tapete. bisweilen kamen mit ihr Erinnerungen an die Kindheit auf, an weltentrückte Zeiten, als allerorten in einer Ecke ein Röhrenradio vor sich hin orchestrierte und einzig zu vermeldende Wasserstände wie Tauchtiefen die ausgestrahlten Sinfonien, Operetten oder Märsche unterbrachen.