überflieger in spe


(eine versuchte selbstheit)

als Künstler kommt man viel herum und landet, wenn man es darauf anlegt, sogar in einem Gefängnis. mich hat es mal für drei Monate in eins verschlagen, als ich nach einem Ort suchte, der die Kunst vortrefflich verbergen könnte. Walter De Maria war es gelungen, eines seiner Werke, den vertikalen Erdkilometer, richtiggehend abtauchen zu lassen, so dass alle Besucher darüber staunten und manche sich bis heute fragen, ob der wirklich so lang sei. für die gebührliche Wahrnehmung seiner grossspurigen Schummelei hatte er die documenta, also eine kuratorische Absegnung. mir schwebte ähnliches vor, nur sollte es ausserhalb der offiziellen Ausstellungswelt vollbracht und nicht gemogelt sein. gut geeignet schien mir dafür eine Justizvollzugsanstalt mit Wachtürmen und verriegelbaren Räumen. es sollte immerhin etwas installiert werden, dass es allein idealisiert geben kann und somit vor dem profanen Zugriff zu bewahren gilt. ich beabsichtigte nämlich mit einer Freundin und einem Fotografen nichts geringeres, als eine fünfdimensionale Raumverwerfung zu generieren.
als ich meinen Plan beim brandenburgischen Justizministerium vortrug, stiess ich gleich auf einen Beamten, der zum Ende des Jahres noch Geld ausgeben wollte, damit es ihm in seinem Etat nicht gekürzt wurde. er versprach, wenn ihn bäldigst ein Konzept erreiche, es sofort zu genehmigen. was ich konkret vorhatte, interessierte nicht sehr. für mein Vorhaben empfahl er mir die Anstalt in Frankfurt an der Oder, wo ein Direktor ein offenes Ohr für die Kultur habe. und es stimmte, den Knast in der Grenzstadt führte ein wohlgesinnter Chef und das erste Geld wurde vor Jahresende überwiesen. es mussten lediglich die Gefängnis-Insassen als eingeplante Mitakteure überzeugt werden. mit fünf ein wenig Interessierten, die zumeist Einzelgänger waren und aus Langeweile zu uns kamen, begannen wir zu arbeiten und allmählich wurden es mehr, da wir auffielen und alles mit Kameras dokumentierten. unser Projekt hatte von ganz oben ein Staatssekretär abgesegnet. wir durften sogar, was noch niemals erlaubt wurde, von einem Wachturm aus filmen, nur keine Gesichter abbilden, damit unsere Aufzeichnungen in die Öffentlichkeit niemand stigmatisierten. das verstand natürlich keiner von den Betroffenen.
der Hyperraum wurde während eines Workshops mit fünf Langzeitstraflern und zwei Dealern in einer freistehenden Zelle aufgebaut. wir färbten Hanfseile ein und pinnten sie gemäss meiner Berechnungen an die Decke. als es fertig war, wurde das Werk als ein unsicheres Wurmloch für einen Monat abgeschlossen. eine Ausstellung im Rathaus zeigte bloss Fotos davon. mit jener Dokumentation wurde ein geschlossener mit einem öffentlichen Raum hyperdimensional verbunden und verkörperte virtuell das tatsächliche Kunstobjekt. den Bediensteten im Gefängnis war solches schwer vermittelbar. geduldet wurde wir einzig, da in manchen Momenten unser Projekt eine willkommene Gelegenheit war, um vor Unvoreingenommen Dampf abzulassen. nachdem unsere Raumverwerfung aber Lokalreporter ausführlichst lobten, wurde die Installation von allen als höchst sinnvoll eingestuft.