überflieger in spe


(eine versuchte selbstheit)

wer sich den Hyperraum vorstellen kann, der kann sich fast alles vorstellen. an der Technischen Uni in Cottbus versuchte ich deshalb mal, das Multidimensionale einem grossen Auditorium als Doping für die Einbildungskraft anzutragen. jenen Versuch kündigte ein Plakat an, wo mein Vortragen als das eines Unbescholtenen innerhalb einer semestrigen Ringvorlesung aufgeführt wurde. mein Name war der einzige ohne Titel, alle anderen Referenten hatten mindestens einen Doktor und davor den Professor. das verschüchterte mich keineswegs, ich wollte als Konzeptkünstler dem zu vermittelnden Stoff gemäss Aussergewöhnliches bieten. dafür musste viel Technik aufgebaut werden: ein 3-Röhren-Beamer, zwei klobige Büro-Computer und ein Overheadprojektor. mit jener Aufrüstung meinte ich, eine ungewohnte Raumordnung gut veranschaulichen zu können. leider versagte der Beamer nach dem ersten Anschalten. seine Glühbirne war durchgebrannt und kurzfristig nicht ersetzbar. somit blieb mir einzig ein Folienprojektor, um das, was kaum vorstellbar ist, rein theoretisch zu erklären. das Hyperdimensionale offenbart sich aber am besten mit Animationen und wenig sinnfällig über abstrakte Analogien.
so es ohne mediale Projektion nicht zu bewerkstelligen schien, entschloss ich mich, dem Pferd die Sporen zu geben. das Komplexe hatte komplex zu bleiben und das nicht Wahrnehmbare nicht wahrnehmbar. vor einem Publikum aus akademischen Beamten, angehenden Architekten und sonstiger Neugierde trug ich mein Thema vor, indem ich gnadenlos verwirrte. mein Erklären war spitzzüngig visionär, virtuell imaginär und relativierend chaotisch. das Vierdimensionale setzt immerhin einen Raum voraus, der sich mit vier aufgefalteten Koordinatenachsen für die menschliche Orientierung unfassbar konstituiert. ich argumentierte mit Kant gegen Kant und relativierte mit Science-Fiction-Vokabular allzu Rationales, um kühn zu verkünden, dass es ohne hohe Dimensionalität bald nichts mehr zu verstehen gebe. denn so wie sich die Quantenphysik mit der Relativitätstheorie nur in einem Multiversum widerspruchsfrei vereinen lasse, sei ein epistemologisches Wuchern bald ausschliesslich mit einer Kausalität aus höheren Dimensionen logisch abzusichern. mit viel Vehemenz favorisierte ich den Hyperraum zu einer Erkenntnisform, die selbst gänzlich Gegensätzliches vereinen könne. es sollte nicht unbedingt überzeugen, bloss ein wenig aufrütteln.
bedauerlicherweise gelang es mir nicht, meine Zuhörer zu beirren. nicht einmal verwirrt hatte ich sie. man klatschte am Ende höflich Beifall und freute sich auf einen Weinausschank, der beim ersten Glas dank der Portokasse des einladenden Lehrstuhls kostenlos verteilt wurde. meine utopische Beschwörung verlief sich bei einen smalltalkenden Miteinander ins Leere. ich hätte überzeugender darlegen sollen, dass die Kunst in Zeiten der digitalen Übersteigerung mit weitaus mehr Phantasie als die Wissenschaft ausloten kann, wie mit neuen Technologien gesellschaftliche Phänomene anders gesehen, eingeordnet und gelebt werden. und dies obwohl sie tatsächlich nur zeigt, dass mediale Innovationen die Gesellschaft nicht grundlegend ändern.