g-punktierungen


frank richter


so direkte töne
dem morgengrauen
im radio und anderswo

die stimmen früher
nachrichten sind ein
und dasselbe vertakten

wichtig ist vieles
es sei denn nicht
originell ganz neu

worauf man sich
im kaffeesatz krümlig
einen vers macht

mit verfallsdatum
und halbwertszeit für
speichelverschluckungen





pointenbloss
wie beim amateurfilm
privat und indiskret
die vielen müden
blicke im diffusen
frühen s-bahnverkehr

zwischen Ost- und
Westkreuz nebenköpfe
die ins leere reden oder
schweigen als schlecht
synchronisierte maschinen

beschränkt auf ein an-
haltendes anhalten
beim umsteigen mit
oder ohne überflüssige
bewegung eine pure
vehemenzexistenz

nackt und ohne vorurteile
wären die menschen
am schönsten man ist
sich dessen bewusst





ich lächle zu wenig
und habe es bisher
nicht weiter als bis
nach Berlin geschafft

auch niemals hier
weder den grossen
noch den kleinen
Wannsee durchrudert

ganz reichweitennah
der nüchterne Wedding
bleibt kompetent potent
meine wahre diaspora

ohne wo und wann
sinn in einer welt
aus 3d-nöten ein
hausendes ach-was





sich scherze zufügen
um von anderen
scherzen abzulenken

beim rechtfertigen
oder verteidigen ohne
angegriffen zu sein

unterlebensklein
an tagen mit viel
toleranz und nachsicht

immer öfter Ja sagen
und dabei stolz die
arme verschränken

der knoten im hals
bleibt der allzu
verständliche





ein regen auf der stirn
kühl und lindernd der
mittag in 8tel tönen

die anfänge der wolken
gehen nach und nach
verloren bar jeder
traum-gelegenheit

beim warten und gleich-
gültig sein vielleicht
könnte man es auch
auf türkisch sagen

es ist eine frage
der semantik was
zu erzählen ist und
immer ein vorspiel
für ein weiteres vorspiel





alles ist kostbar
und diskret wenn
es abzählbar bleibt

oder ankündigung
auf grösseres aber
was eigentlich?

gut wäre es
beim sex nicht
hochstapeltief
allein zu sein

jeder mangel ist
ersetzbar und
per se verletzbar

je mehr man strebt
desto schwerer fällt das
streben und das mehr





das wohnen wie
arbeiten wird dichter
eine perfektion

als kreativer stil
ein höhenflug oder
stolzes hundesein

steigen die mieten
drückt sich der körper
medialisierter aus

im bio-adapter
ein sinus dem cosinus
im innen das aussen

das überleben bald
in einer terabyte-cloud
als hologramm virtuell





gegen vieles sein
und trotz alledem
auch dazugehören

wird man ausgespäht
ist man wichtig oder
banal entsetzlich

keine macht den doofen
daten-spitzeln während
zinsen sinken und
credits steigen

UP DOWN DAYS
man will betrogen
sein aber richtig

protestpotent
als virtuose der
negation





dieses single-sein
wenn man im streit
ganz bei sich bleibt
mit oder ohne kater

für die orientierung
glanzpunkte halten
so andeutungspräzis
klares im vagen suchen

man ist disponibel
ein tischtenniswechsel
und digital trainiert
in echtzeit aktiv

gegen mich selbst
gebe ich beim schach
alles und habe doch
selten eine chance

ganz ohne lob und
dankeschön das macht
mitunter angst





ein verborgenes
überleben unter
büchern und bildern
das ist kompetent

man will gesucht sein
um besser versteckt
sich zu halten im
schatten zu stehen

dieses stelzenwerk
wem tagelang nichts ein-
fällt dem fällt nichts ein

was man alles im alter
nicht mehr weiss
und mit würde





könnte man morgens
in der früh arbeiten
dann hätte man es
schneller hinter sich

könnte man montags
dem blues sagen was
man am freitag dem
feierabend sagen wird

könnte man einmal
zugeben: ganz fertiges
kommt ohne brotjob
unverhofft oder oft

denn selten fällt
das denken leicht
aber beim reden
geht es auch ohne





wie überzeugend
das atmen ist eine
pure übereinkunft

oder sozialbetrug
falls überzogen sie
vereinnahmt wird

da hauptberuflich
noch immer ohne beruf
schickt das amt die formulare

mindestens zehn mal
zehn zumutungen dazwischen
eine appellative leere

in die man sich heimlich
und immer noch per se
hineinlegen kann

an tagen die einen
sanft erwürgen





nichts triviales mehr
schreiben also
weniger schreiben

meine insidergeschäfte
falls ichs versuche und
mir etwas vormache

an unzähligen tagen
ohne faules fernsehen
und so auch heute

etwa 500 wörter gelesen
geschrieben aber
weniger als 30

kann man den kopf
über das knie brechen?

man kann wenn
man kann





ganz reibungsbloss
ein brüten über das
brüten in einer vollen
leere hic et nunc

allweil beim bügeln
und abwaschen mangels
aufmerksamkeit keine
ein- und ausfälle

nur stets fortschritte
beim entbessern
auf der richterskala

gäbe es mich nicht
müsste ich kaum
mich ergründen und
dauernd erfinden

das beruhigende gefühl
nicht alles schreiben
zu können oder
müssen zu müssen





life vs. live
mehr querdenker
und narrenschiffe
braucht das land

auch weniger todes-
anzeigen und meinungs-
blähungen in den
grossen zeitungen

es wird übertrieben
um deutungstreu
verdeckt und ver-
steckt zu bleiben

ein allzeit frisch
gestimmtes bedenken
für künstliche und
halbe intelligenzler





mit ausfällen sich
bevorraten und üben
ohne anzufangen ein
permanentes anfangen

ohne zählzwang
dummes oder banales
denken gegen jede
gemein- und peineinheit

die regeln der aleatorik
garantieren die vielfalt
der meinungen als ball-
spiel des möglichen

doch schwer fällts
leicht zu sein einfach
verständlich zu bleiben

vor der flatrate schien
die welt noch in ordnung
vieles wurde lakonisch
berichtet ergo gedichtet





abends gibt es die lauen
versprecher im fernsehen
und politikerschelte mehr
oder weniger getarnt

als lebensvortäuschung
allgemeine katastrophen-
berichte und zur erregung
das risiko der restlatenz

umgeben von vermehrern
die meinungen als eine
verrücktheit eine fast
sichere verrücktheit

keine andere welt
ein neuer urknall
ist anzustreben





die früchte der nacht
die ernte des tages
und selten umgekehrt

manchmal gelingt es
einfach zu warten für
nichts und wieder nichts
zu warten und manchmal
reicht es zu drohen

in einem anderen leben
würde ich anderes
schreiben oder nichts

an tagen ohne
ideen an tagen mit
viel nachsicht





sic et non das
allzu gemeine das
prosaisch allen gemeinte
bedürfnis nach meinung

stets der satz dahinter
hinter dem letzten satz
solange das aufhören
eine überforderung ist

die stroboskopische
entropie des aktuellen
sind zahnschmerzen
wo keine zähne sind

sehr kommunikativ
wie blinkende flugzeuge
nachts die sterne
als faktenfaktor

wofür soll man sich
noch begeistern?

für implosionen -
oder für explosionen?


© frank richter