überflieger in spe


(eine versuchte selbstheit)

ein Handwerker hämmert seit einer Stunde ununterbrochen im Haus. ein Handwerker darf das, während ich am Computer versuche, für eine generative Textgenese einen vertrackten Code zu entwirren. als ich mit handwerklichem Schwung den Kunstmarkt erobern wollte, nervte ich ähnlich bis spät in die Nacht. meine Nachbarn haben es ertragen müssen und mich zurückhaltender gegrüsst. ich hatte kein Atelier, bloss meine Wohnung, wo in der Küche umfangreich gesägt und gemalt wurde. hier bereitete ich auf wenigen Quadratmetern aufwendige Installationen vor und fabriziert an einem Schraubstock ganz akribisch in einem halben Jahr sechs fünfdimensionale Kuben. Rücksichten nahm ich auf niemanden, nicht auf mich und ebenso wenig auf die Nachbarn, welche tagsüber laut wohnten. ein Atelier konnte ich mir nie leisten, obwohl es dafür Förderungen gab und für gut vernetzte Menschen nach wie vor gibt. finanzieren vermag es nur, wer seine Produktion gut verkauft. das ist mir nie gelungen, selbst als ich mich eine Zeitlang fleissig ausstellte und mich um Kontakte zu einflussreichen Galeristen bemühte.
nun habe ich nichts mehr zu hämmern und bin lärmempfindlicher geworden. gearbeitet wird ausschliesslich mit einem leisen Tintenstrahldrucker oder digitalisiert für das Internet. tatsächlich müsste ich als Bewohner einer rund um die Uhr pulsierenden Metropole unter einer Schwerhörigkeit leiden. stattdessen darbe ich hochsensibilisiert unter fast jedem Geräusch, das nicht von mir stammt. bei meinem virtuellen Operieren beanspruche ich die Stille und werde permanent von Menschen durch ihre Musik genervt. sie ertönt aus röhrenden Basslautsprechern und durchdringt die Wände von Wohnungen. beschwere ich mich, werde ich dämlich gefragt, ob denn schon Nachtruhe sei. ertönt mal keine Musik, schleiche ich auf leisen Sohlen durch meine Zimmer und hoffe, dass es eine Weile anhält. ich stelle mein Radio aus und wünsche mir, dass sich meine Geräuschlosigkeit dauerhaft niederschlägt. leider ist es selten der Fall.
um mich von einem Techno-Sound und Party-Grölen aus der Nachbarschaft abzuschirmen, helfen keine geschlossenen Fenster, keine Ohrstöpsel oder Kopfhörer. ich muss wohl selber lauter agieren, auf dass ich meine Umwelt übertöne. vielleicht sollte ich meine Computer-Tastatur gegen ein Schlagzeug eintauschen. jeder getippte Buchstabe würde zu einem Trommelschlag und beim Formulieren eines Gedichtes mit viel Stakkato einen Presswirbel skandieren. im eigenen Lärmen käme ich zu einer vibrierenden Inspiration, um wie ein Hubschrauber tosend abzuheben. erlebt habe ich solch einen Höhenflug einmal, als ich für eine journalistische Recherche mit einem Helikopter mitfliegen durfte. es war eine schnelle Militärmaschine vom Typ Mi-8, mit der die Verkehrspolizei nach der Wende die Überwachung aus der Luft testete. der Einsatz wurde jedoch verworfen, weil er gegen den Lärmschutz verstiess. mich hat das vibrierende Dröhnen des Propellers überhaupt nicht gestört. es akkommodierte eine Ausgeglichenheit, die vollumfänglich immunisierte.