mikado als symptom


(eine vage klarstellung)

gemogelt habe ich oft in meinem Leben, und bei Not- und Lebenslügen mit keinem schlechten Gewissen. ich muss, um vor anderen bestehen zu können, ihnen etwas vormachen, und bei wichtigen Entscheidungen, mich selber beschummeln, da ich sonst kneife. so manches Projekt beginne ich, indem ich mich über die zu erwartenden Mühen hinwegtäusche oder bei mangelnder Reife fehlende Voraussetzungen reinweg unterschlage. mit einer solchen Hybris erlernte ich in jungen Jahren ohne fremde Hilfe das Programmieren und in reifen das frei assoziierende Notieren von hochfahrenden Gedanken, die bei einem immensen Lesehunger nicht immer die eigenen waren.
in der Schule hat man mir das Mogeln beigebracht und die Lehrer nannten es eine offizielle Meinung. sie brauchte nicht die eigene Ansicht zu sein, es reichte aus, wenn es formelhafte Lippenbekenntnisse waren. derart zeigte jeder sich verpflichtet und musste Widersprüche aushalten. mir fiel dies schon als Erstklässler schwer, als meine Mutter böse Menschen für den Bau der Mauer in Berlin verantwortlich machte, weil sie nicht weiterhin ihre Tante im Wedding besuchen konnte. das verstand ich gut, doch musste ich gleichfalls akzeptieren, dass meine Klassenlehrerin die Grenze einen antifaschistischen Schutzwall nannte. mit jener Bewusstseinsspaltung wuchs meine Meinungsbildung heran und wurde, da ich ideologisch Verbrämtes wenig zu ignorieren verstand, erst allmählich gegen Schizophrenes immun. dennoch blieb es für mich eine Herausforderung und so suche ich heute noch nach vertrackten Widersprüchen und bin beunruhigt, wenn sie ausbleiben.
je verbändelter einer in seinem Milieu sozialisiert ist, desto unverblümter muss er heucheln. es beginnt mit der Frage nach dem Befinden, bei der kaum jemand wirkliche Probleme benennt, lieber ein gutes oder wenigsten ausreichend leidliches Wohlsein angibt, und endet bei einem höflichen Wunsch auf ein Wiedersehen, das nicht wirklich verabredet wird. der kategorische Imperativ verpflichtet zu einer Konversation, die allgemein verbindlich zu sein hat. komplizierter wird es, wo die Bilder von jemand in seinem Atelier zu begutachten sind, und noch diffiziler, wenn sie in Workshops gemalt und in der Wohnung stolz ausgestellt hängen. das einfache Loben könnte als ein Affront angesehen werden, falls es nicht überzeugend genug herüberkommt, und kritteln oder einfach übersehen geht schon gar nicht. also lobe ich immer kurz und spreche dann über das Wetter oder die globale Wirtschaftslage. hier garantieren nach wie vor Betrügereien, wie jetzt der VW-Skandal, eine spannend ablenkende Unterhaltung. lange Zeit hat sich niemand in den Chefetagen des Autokonzerns daran gestört, dass nur mit Manipulationen Abgaswerte im grünen Bereich lagen, und als es herauskam, gingen die Manager davon aus, dass sie sich mit den Kartellämtern einigen könnten. doch sie waren im mogelnden Ausloten von Schlupflöchern nicht clever genug.