mikado als symptom


(eine vage klarstellung)

gestern wurde meine alte, seit langem unbenutzte Waschmaschine professionell entsorgt. ein schmächtiger Mann hat sie ohne meine Hilfe mit einer elektrischen Treppenkarre in seinen Laster transportiert. aus dem vierten Stockwerk wurde das schwere Gerät Stufe für Stufe getriggert und musste lediglich ein wenig ausbalanciert werden. in meinem Single-Dasein leistete sie mir vorbildlich ihre Dienste und das Drehen der Wäschetrommel war ein entspannend meditativer Background in meiner Küche, wo in vergangenen Jahren viel gemalt, geklebt und getextet wurde. die Maschine konnte, falls sie nicht zu laut klapperte, als ein Fernsehersatz gut ablenken. bei einer sanften Feinwäsche brachte sie meine eingetrübten Gedanken in ein kontemplatives Rotieren. ich musste sie dafür bloss anschauen, mich nicht in die Trommel legen und durchschleudern lassen. bei der Fernsehsendung "Wetten, dass" wurde von einem Kandidaten mal vorgeführt, wie es genau zu bewerkstelligen ist, und vor Nachahmungen gewarnt.
ohne eine eigene Maschine habe ich meine schmutzige Wäsche in Eimern eingeweicht, mit der Hand ausgewrungen und in der Badewanne dann gespült. das hat die Muskeln gestärkt und mich vor Sehnenproblemen lange bewahrt. an manchen Tagen braucht es indes ein anderes Training. zu träge fliessen ohne Abwechslung die Stunden dahin. bei einer nervenden Langeweile hilft kein Abschalten. der Kampf gegen die Langeweile ist nur noch mit einem endlosen Umschalten zu gewinnen, von einer Ausstellung zur nächsten, zu einem neuen Buch oder in einen Chat-Room, um in den Genuss virtueller Verführungen zu kommen. ein bleibendes Gefühl der Befriedigung stellt sich jedoch selten ein. die mediale Wirklichkeit hat die zu lebende aufgesogen. wenn die Unterhaltung und die Langeweile synonyme Beziehungen eingehen, sind kaum Alternativen zur simulierten Wirklichkeit zu erwarten. um meine Laune auf Trab zu bringen, muss ich meinen Schreibtisch oder sogar meine Wohnung aufräumen, um dann Sachen zu finden, die ich seit langem vermisse.
zur Konzentration komme ich erst in einer gediegen aufgeräumten Atmosphäre. die Transpiration darf durch kein Suchen und keine Störgeräusche unterbrochen werden. oft muss ich mir eine solche Atmosphäre ausdenken. der einzige Zustand, der in einer lärmenden Gesellschaft ausgiebig inspiriert, ist wohl eine stoische Ironie. mit ihr ergeben sich Versenkungen und Betrachtungen ins Unendliche, während die Zeit unmerklich verrinnt. im Gespräch mit mir selbst schmiede ich erratische Pläne, formuliere Unverständliches, um dagegen oder dafür zu sein. erhebend ist ein solches Brainstorming, wenn hinter jeder Geschichte noch eine andere steckt und Räume fürs Assoziative sich eröffnen. die grandiosen Einfälle spriessen freilich erst, wenn es einem richtig schlecht geht und die Wut im Bauch als Agens antreibt. ich brauche solche Verstimmungen fatalerweise immer häufiger.