petting des ich
prominente Sänger, Schauspieler und Sportler haben sie gut sichtbar, Lehrer, Bankangestellte und Politiker lieber heimlich. Tattoos sind eine leidliche Mode geworden und bei Personen, die mit albernen Cartoon- oder Blumen-Motiven herumlaufen, meist peinlich. als dekorativen Schriftzeichen aber auch verdächtig, so "Love The Way You Lie" oder noch Schlimmeres zu entziffern ist. für die Träger des chinesischen Schriftgutes sollte es einen Bekleidungszwang geben. selbst bei extremer Sommerhitze, da sie jemand mal übersetzen könnte, und wenn nicht, ist zu vermuten, dass auf Beinen oder Armen vielleicht "in Reisöl frittiertes Schweinefleisch" geschrieben steht.
im Zeitalter des anything goes sind Körpermarkierungen, die ehedem eine rituelle Symbolfunktion hatten, ein vagantes Allgemeingut geworden. wer sich aussergewöhnlich tätowieren lässt, will aussergewöhnlich sein und dennoch dazugehören. diese Kombination war in der Vergangenheit nur möglich, insofern die richtigen Codes gewählt wurden. der Seemann, der Gefängnisinsasse oder der inkarnierte Proselyt haben Zeichen als fest vereinbarte Symbole auf der Haut getragen. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bekamen in Bosnien katholische Mädchen, damit die Liebe keine eigenen Wege ging, christliche Symbole auf die Arme gestochen. hierdurch war ein ungewollter Übertritt zum Islam vorab verhindert. armenische Christen hielten an der Tradition der Pilgertätowierung bis zum Ersten Weltkrieg fest. so konnten sie sich untereinander erkennen und von anderen Gläubigen distanzieren. in einer säkularen Wohlstandsgesellschaft muss es farbig modisch, erotisch und schick sein. man trägt sein Befinden als versuchte Exklusivität oder blosse Geltungssucht auf der Epidermis.
je virtueller der Mensch lebt und umso losgelöster er von seiner leiblichen Präsenz kommuniziert, desto stärker beansprucht er seinen Körper als einen Ort der eigentlichen Gewissheit. hier kann jeder sich gestaltend austoben. der zu bewohnende Leib wird zur Obsession, auf den man Erdenkliches malt, ritzt und mittels Piercing Lebenslagen fixiert. meist sind es die Motive von Fernseh-Prominenten, welche kopiert werden. kann die Gesellschaft nicht verbessert werden, dann zumindest der eigene Körper. sei du selbst die Veränderung, die du dir für diese Welt wünschst, forderte schon Gandhi. mit kostspieligen Schönheitsoperationen ist es in Kliniken möglich, sich zu stylen. die weniger Betuchten gehen in den nächsten Tattoo-Shop und lassen sich stechen. es muss danach nicht schöner aussehen, nur anders in der Wahrnehmung wirken, für die es bald keinen Unterschied mehr geben wird zwischen dem künstlichen und dem tatsächlich Vorliegenden. die Grenzen der eigenen Phantasie sind häufig eine Indisposition.