chiffren des ich


(ein investigativer rückblick)

am Sylvesterabend habe ich in den Jahren vor dem Millennium meine Wünsche in den Himmel geschossen. sie wurden auf einem Blatt Papier gut lesbar in Druckbuchstaben notiert, an eine Rakete geklebt und dann abgefeuert. häufig hat es mit viel Nachsicht geholfen. das Wünschen war zu bescheiden vorsichtig formuliert und somit eine selbstverständliche Angelegenheit, wie diese vielen Prosits und Vorsätze, die zum Jahreswechsel vorgetragen werden. dafür versammelt man sich in illustren Gesellschaften und blickt mehr oder weniger stark alkoholisiert nach vorn. am Tag danach erinnert sich jeder, stark verkatert, höchst schwach an ewig gestrige Vorhaben, weder an den beabsichtigten Neujahrslauf auf einer lockeren 4-km-Strecke noch an den schon lang aufgeschobenen Konzertbesuch bei den Berliner Philharmonikern mit Sir Simon Rattle. doch spätestens nach einer Woche ist alles vergessen.
den Brauch mit dem Raketenballern hat meine Familie endlich aufgegeben. sie wurden immer wegen meiner Söhne gekauft, die solches Zauberwerk als Vorfreude aufregend fanden. es nervt jedoch, wenn es in den letzten Stunden des Jahres um einen herum heftigst bengalisch knallt. und besonders dort, wo Betrunkene wild auf der Strasse oder in U-Bahnschächten sich freuen, wenn sie jemand erschrecken. wer es vermeiden will, zieht sich zurück oder beobachtet durch Fensterglas das offiziell choreographierte Feuerwerk hinter dem Brandenburger Tor. mit Distanz kann besinnlicher über Kommendes nachgedacht werden. zielführende Wünsche fallen mir dabei kaum noch ein. obwohl ich nicht wunschlos bin und völlig frustriert auch nicht, möchte ich mich nicht auf Pläne festlegen. Plan A wird sowieso von Plan B und der dann von Plan C, D, oder E abgelöst. das obligatorische Bleigiessen motivierte eine Zeitlang zu phantasievolleren Absichtserklärungen und war unterhaltend, solange Erheiterndes dazu einfiel. im Mittelalter interpretierten arme Menschen das gegossene Blei als ein Orakel, um sich über den Verlauf von Krankheiten zu unterrichten. nun haben wir ein immer teurer werdendes Gesundheitswesen mit Magnetresonanz-Röhren und anderen aufwendigen Diagnose-Geräten, die allein Experten deuten können.
nur muss ich unbedingt wissen, dass sich im Laufe des Lebens die Bandscheiben abnutzen und wie es in der Leber bei einem täglichen Bierkonsum aussieht? es ist besser, wenn Vernutzungen im Vagen bleiben. ein sorgloses Leben behält seine Selbstheilungskräfte und den selbstbewussten Optimismus für ein Weitermachen. wenn es am Anfang eines Jahres wo nicht vorangeht, suche ich nicht nach sinngebenden Ideen für andere Projekte, es wird einfach verbessert, was bereits vorliegt. somit bin ich fortwährend beschäftigt. wie ein Bauer ziehe ich routiniert meine Furchen und stosse manchmal auf grosse Kartoffeln, die ein Zufallsfund sind und meist nur mich begeistern. ist die Kunst eine selbstbezügliche Unzustellbarkeit, dieweil das Renommee fehlt, kann man in ihr unermüdlich ausharren, ohne von Publikumsansprüchen gestört zu werden.