petting des ich


(ein investigativer rückblick)

das tägliche Überleben ist ein aufwendig produzierter Film. vor allem in Berlin, wo vor meiner Haustür jeden dritten Monat einer für irgendeine TV- oder Kinoproduktion gedreht wird. damit eine Kolonne von Catering- sowie Technikwagen Platz hat, sperren Schilder und Bänder den Strassenrand weiträumig ab. die Anrainer müssen ihre Autos anderweitig parken oder werden gnadenlos abgeschleppt. gestern hat sogar ein Assistent mit leuchtender Weste den Gehweg blockiert und für uns Einheimische erst geöffnet, als wir unsere Hausnummer angaben und versprachen, nicht in Richtung der Kamera zu laufen. bei manchem Setting wird man als zufälliger Statist ohne Gage gebraucht und ist später auf Leinwänden zu sehen. oder es produziert irgendwer einen Dokumentarfilm mit versteckter Kamera. offener knipsen Touristen mit dem Handy wild Urbanes und bevorzugt waschechtes Kiez-Konterfei, insofern es für solches gehalten wird.
reizvolle Kulissen sind in der Hauptstadt reichlich vorhanden. sie überzeugen als Momentaufnahme, wo alles anwesentlich vertraut wirkt, selbst das, was es nicht mehr geben dürfte. trotz Gentrifizierung und vieler Regierungs- sowie Shopping-Neubauten liegen noch Ruinen als rustikal Authentisches und jede Menge Gegenwarts-Ramsch vor. das schärt viel Metaphysik und lässt bei Szenenbildnern oder Filmarchitekten (wie sie gern genannt werden) Emotionen hochkommen. aber auch ohne Kamera und erhellende Scheinwerfer wird man das Gefühl nicht los, dass alles künstlicher wird. grösstenteils sind es Schauspieler, die manchen Passanten mimen. dem aufmerksamen Blick entgeht nichts, denn er gewahrt im Dämmerlicht herausragende Gesichter, die er aus dem Fernsehen geschminkt kennt. und wenn nicht, sind es welche, die mit unsicherem Gang sich selbst gestalten und in ihrem eigenen Film die Hauptrolle spielen. für gewöhnlich ist es eine No-Budget-Produktion, die mit geringer Aufmerksamkeit den täglichen Tatort bestreitet.
die Rolle der Bedeutung wird bedeutungsloser, wenn wenig Aufregendes in einem vom Leben gebeutelten Alltag passiert. da es auf die Dauer nicht zu akzeptieren ist, werden Geschichten erfunden, die mehr Möglichkeit als Wirklichkeit vorstellen und die Phantasie beflügeln. die Einbildungskraft rotiert, wo die Bodenständigkeit verloren geht oder als tristes Heimatgefühl abstösst. Schopenhauer hat es wie folgt formuliert: Meine eigene, vieljährige Erfahrung hat mich auf die Vermuthung geführt, dass Wahnsinn verhältnissmässig am häufigsten bei Schauspielern eintritt. Welchen Missbrauch treiben aber auch diese Leute mit ihrem Gedächtniss! Täglich haben sie eine neue Rolle einzulernen, oder eine alte aufzufrischen: diese Rollen sind aber sämmtlich ohne Zusammenhang, ja, im Widerspruch und Kontrast mit einander, und jeden Abend ist der Schauspieler bemüht, sich selbst ganz zu vergessen, um ein völlig Anderer zu seyn. Dergleichen bahnt geradezu den Weg zum Wahnsinn.