petting des ich


(ein investigativer rückblick)

hätte ich Karriere gemacht, dann wäre wohl nichts Bemerkenswertes aus mir geworden. in der Schule war ich, weil sehr gute Zensuren meinem preussischen Pflichtgefühl entsprachen, ein strebender Einser-Kandidat. erst mit der Studienbewerbung kam Ernüchterung auf. ich beabsichtigte, die Soziologie in der Saalestadt Halle zu studieren. vornehmlich wegen Max Weber, den ich früh entdeckt und hochfahrend gelesen hatte. in einem prüfenden Eignungsgespräch wollte man jedoch von diesem bürgerlichen Denker nichts wissen. die bekundeten Präferenzen lagen bei einer sozialistischen Ökonomie, für die Planwirtschaftler ausgebildet wurden. mit jener Spezialisierung wollte sich wiederum mein Bildungsdrang nicht arrangieren, so dass nicht ich, sondern die ignoranten Prüfer, die mich eigentlich massnehmen wollten, durchgefallen waren. ich verzichtete auf meine Bewerbung grosszügig und zum Entsetzen meines Klassenlehrers auf ein Studium generell. das Theater in Cottbus, wo ich nach dem Abitur als Beleuchter zu arbeiten begann, wurde meine Ersatz-Uni. dort jobbten zahlreiche Aussteiger mit einem Buch in der Hand oder, wenn es wenig Pausen gab, in der Kitteltasche. viel habe ich in dieser Zeit gelesen und dank förderlicher Diskussionen mit angehenden Bühnenbildnern, Dichtern und Bildkünstlern behände verstanden. mit dem Sound von Opern oder dramatischen Dialogen reiften hier kulturhoheitlich geschützt Individualisten zu einer Bohème heran.
da ich meine aufkeimenden Talente allerdings hinter der Bühne selten unter Beweis stellen konnte, wechselte ich nach vier Jahren in das Journalistenfach einer kleinen liberalen Tageszeitung. deren Lokalredaktion wurde meine zweite Hochschule. man durfte hier über politisch Unverfängliches, weil ausnahmslos Regionales, sehr einfallsreich berichten. und wenn es nicht gelang, dann forderte mich die Konfrontation mit einer kollektiven Vermeinung und ihrer politischen Kasuistik heraus. ich lernte ungewöhnliche als auch äusserst gewöhnliche Menschen kennen, schrieb und fotografierte in der Hoffnung auf Weltverbesserung mancherlei Passables. letztendlich gelang es mir nicht, mich einer akademischen Herausbildung zu entziehen. meine Zeitung delegierte mich gegen meinen Willen nach Leipzig, wo ich die Journalistik zu studieren hatte, und dies glücklicherweise wenige Monate vor dem endgültigen Niedergang der DDR.
ich kam als Immatrikulierter in den Genuss einer euphorischen Umbruchzeit mit verlockenden Offerten und wenigen Verpflichtungen. mein Studium, das sich bald offiziell Kommunikationswissenschaft nannte, wurde ein Studieren der Philosophie, Kulturgeschichte und Soziologie. Prüfungen waren selten zu meistern, so dass genügend Zeit für freiwillige Mathematik-Vorlesungen, Vernissagen und Theaterabende blieb. der Alltag rhythmisierte sich mit montäglichen Demos und unzähligen Unterschriftensammlungen, in denen auch eine deutsch-deutsche Wiedervereinigung unter einer biederen Nationalhymne resolut abgelehnt wurde. jeder bekannte sich wortreich zu einem visionären, für viele Wünsche offen bleibenden Leben. die Vagheit jener Umbruchzeit sollte möglichst lange andauern. deshalb opponierten wir Studenten mit hehren Ansprüchen gegen alte wie neue Autoritäten und forderten sogar Semesterabschlüsse ohne Zensuren. so grössenwahnsinnig, so optimistisch waren wir damals.