chiffren des ich


(ein investigativer rückblick)

in Fremdsprachen bin ich nicht zuhause, nur ein leidlicher Gast. ich vermag einzig in meiner Muttersprache mit einem üppigen Wortschatz und salopp assoziierbaren Metaphern phantasievoll denken. das würde mir selbst bei grösster Mühe nie in einer fremden Diktion gelingen. mein Gedächtnis ist für das auswendige Lernen von Vokabeln und unregelmässigen Konjugationen zu träge. folglich war mir in der Schule das seit der fünften Klasse obligatorische Russischfach ein Gräuel. im fakultativ angeeigneten Englisch und nach der Schule Französisch sowie Spanisch komme ich mir wie ein Betrüger vor, da ich bei einem begrenzten Vokabularium selten das kommuniziere, was ich tatsächlich meine. mit stereotypen Phrasen bin ich ein miserabler Schauspieler, der um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, das Nötige gemeinhin verkürzt preisgibt.
mehr als eine Sprache unvergleichbar sprechen zu können, ist eine schiere Übertreibung oder ein überflüssiger Luxus, wie ein drittes Bein oder ein elfter Finger. ich habe solches nie für wesentlich befunden, lieber geniesse ich es, als ein Fremder unter fremdsprachigen Menschen schweigend zu verweilen. ich muss nebbich nichts verstehen und keine langweiligen Konversationen ertragen. allerhand wird nur daher geredet, um kein peinliches Schweigen aufkommen zu lassen. bei unfreiwilligen Zusammenkünften ist es deshalb besser, ein stiller Unbeteiligter zu sein. der Mensch ist ohnehin ein schlechter Zuhörer. er kann zwar bis zu 200 Worte in der Minute artikulieren, aber höchstens 40 verstehen, wo sie nicht aus dem eigenen Mund kommen. eine solche kommunikative Diskrepanz garantiert ein hermeneutisch tastendes Interpretieren. bleibt Verschiedenes im allgemeinen Redeschwall überhört oder gänzlich unverstanden, kann es weiterhin bei jeder Gelegenheit gesagt und dabei fortwährend fehl- oder überinterpretiert werden.
es liegen bereits lange Listen von Unwörtern vor, die jährlich in Kommissionen von selbsternannten Moralaposteln emsig erweitert werden. ihnen sind der Gutmensch, der Sozialtourismus, der Integrationsverweigerer, die Herdprämie und weiteres Zweideutige als nicht geziemlich zum Opfer gefallen. in der Regel tragen populistisch sich gebärende Prominente die Schuld an solchen Sprachvernichtungen. sie wollen volkstümlich argumentieren und bieten ihren Gegnern eine Steilvorlage für Missbilligungen, die primär stilistisch verkleidete Moralkritiken sind. danach traut sich kaum jemand, das öffentlich Indizierte anderweitig zu verwenden. bekannte Kinderbücher und Märchen werden umgeschrieben, so dass jetzt in Mark Twains "Huckleberry Finn" das Wort Neger niemanden mehr diskriminiert. die Literatur wird ärmer und benötigt eine Lexik aus fremden Sprachen. gewohntermassen ist es das Englische der internationalen Werbung und Popmusik, das wohlfeil Ersatz anbietet. in absehbarer Zeit werden wir wohl alle denglisch radebrechen. für manches Sprachgut der Klassiker sind bereits ergänzende Erklärungen vonnöten.