scheitern(hoch)x


gedanken aus der hocke

eine sternschnuppe am nächtlichen himmel sehen, sich etwas heimlich wünschen und es dann allen laut sagen. damit man sichergehen kann, dass einmal etwas nicht in erfüllung geht.
 

es gibt zuviel elend. auch im nichtelend. und deshalb mit science fiction aus der wirklichkeit flüchten oder in utopien überwintern, um als alien zurückzukehren. üble zeiten lassen sich ertragen, indem man sich noch üblere vorstellt.
 

schweigen als letzte sicherheit, bequemlichkeit, rechtfertigung. wer zu erwachsen, also zu abgeklärt für die revolte ist, wartet auf ereignisse und akzeptiert deswegen die ereignislosigkeit.
 

die strafe eines schlechten gedächtnisses: ich muss mich wiederholen, manche menschen erneut kennenlernen und
dann weiterhin ertragen.
 

der blick aus dem fenster am abend ist mein Oblomow-sofa. hier erkenne ich, was mir nicht passiert.
die meisten niederlagen kommen zu spät. man hat zu lange
auf sie gewartet.
 

die fehler, die ich nicht begangen habe. ich kann sie nicht bereuen. nur ihnen nachtrauern, wenn irgendwann die zeit kommt, da man ungenutzte gelegenheiten mehr schätzt als peinliche erinnerungen.
 

andauernde rechtschreibreformen, billige bestseller-romane, schlecht vorgetäuschte orgasmen... man ist bereit, bekannte katastrophen zu akzeptieren, solange man die unvorstellbaren umso mehr fürchtet.
 

"aufrichtig? ich schreibe damit das, was wahr war, nicht mehr wahr ist. ein gezeigtes gefängnis ist kein gefängnis mehr."
Henri Michaux
 

wiederholte fehlgriffe sind zu ertragen, insofern ich sie ständig anders interpretieren und als neue erfahren kann. ich bin dann der endlosschleife vergeblicher bemühungen um mindestens eine umdrehung voraus.
 

vieles ist zu unklar oder zu eindeutig diffus. es braucht stets tage und wochen, bis die notwendigkeiten von niederlagen erkannt werden. man sollte nicht zu früh mit dem jammern beginnen.
 

von niederlage zu niederlage zum sieg. - das ist chinesisch. aber was ist in dieser zeit nicht chinesisch.
 

mit jeder olympiade werden weltrekorde überboten. dank besserer technik, verstecktem doping und penibler mess-methoden. es ist kein ende abzusehen.
 

man kann sich überholen und ein anachronismus oder ein unbesiegbares relikt sein. immer gibt es einen aufschub, solange sich noch nicht alle hoffnungen zerschlagen haben. denn jeder lebt lange genug, um missgeschicke vergessen zu können. der erfolg ist hartnäckig, er setzt auf lange distanzen.
 

"an all seine begierden richte man diese frage. was wird mir geschehen, wenn das erfüllt wird, was die begierde erstrebt, und was, wenn es nicht erfüllt wird?"
man kann Epikur, den wohl radikalsten denker der ataraxie, nicht oft genug lesen. man darf ihm jedoch nur zustimmen, wenn man bereit ist, ein gefühl der lauheit zu akzeptieren.
 

im zeitalter der beschleunigten medien sinkt die halbwertzeit von visionen. alles ist schon auf eine unüberbietbare weise gesagt, zitiert und kritisiert worden.
looking only for post-idols.
 

was bleibt, was wird in zeiten rauschender bildschirme sich überdauern?
entweder werden es allmachtsphantasien oder imperfekte erinnerungen sein.
 

kafkaeske texte lesen sich heute als harmlose tragödien. sie können nicht mehr richtig erschüttern. zu viele ereignisse haben sie inzwischen in den schatten gestellt: der holocaust, stalins arbeitslager, die atombombe, die globale technokratie...
 

das heroische scheitern des Odysseus: seine irrfahrten wurden von einem happy-end am heimatlichen herd entwertet.
 

wie oft kann man misserfolge ertragen und überstehen, ohne in seinen anstrengungen entmutigt zu werden?
wenn man die fähigkeit zur selbsttäuschung besitzt, wohl immer wiedermal.
 

nachträglich ist alles gewissheit.
visionen sind die verpassten gelegenheiten, an denen jeder schon in der vergangenheit gescheitert ist.
 

wer sich der tragikomischen vergeblichkeit seiner bemühungen bewusst ist, für den gibt es keine enttäuschungen mehr. er ist sich und allen überlegen. doch es ist eine leere überlegenheit.
 

wie langsam wolken vorüberziehen. als spiegelgefechte, abstrakte wortgefechte. irgendwann lassen sich sinnkrisen nicht mehr unterbieten.
 

Andrej Tarkowski: als ein zur hoffnung verdammter Stalker immer wieder die verbotenen zonen aufsuchen und, so lange man nicht weiss, warum man erfolgreich sein soll, das augen-blicklich numinose gegen jedes versprechen von sicherheit ausspielen.
 

es ist schwer, das glück als einen dauernden zustand zu ertragen. in der euphorie geht das gefühl für das eigene gleichgewicht verloren.
 

how long ist now? ein notierter satz, der mich gestern noch faszinierte, langweilt mich heute und wird vielleicht morgen peinlich sein.
man ist in der lage, immer noch etwas durchzustreichen oder neu zu schreiben. man hat ein ganzes leben lang zeit, sich zu verbessern.
 

da man alles noch toppen und poppen oder einfach belassen kann, scheinen manche meiner vorstellungen von krisen völlig überholt zu sein.
ich kann mit niederlagen immer weniger anfangen.
 

Epikur: alles reden über den tod schliesst das sterben aus.
 

wer aus prinzip scheitern will, hat die phantastische theorie der evolution zum gegner. d.h. alle finten, zu denen das leben auf der erde seit zwei milliarden jahren unaufhörlichem wachstums fähig ist.
 

man weiss nie, ob man nach einer abgeschlossenen arbeit erfolgreich war oder sich vergeblich verausgabt hat. in einer zeit der ökonomischen perfektion schreitet man immer voran.
 

ich wollte es wissen, ich bin das wagnis eingegangen und habe versucht, meine niederlagen zu akzeptieren. bloss weil ich vergessen hatte, wie erniedrigend und daher auch peinlich es ist, einen schiffbruch zu erleiden.
 

wenn man nur manchmal erfolgreich wäre, nicht ein leben lang ergebnisse akzeptieren müsste.
ALL WE NEED IS A NEW FUTURE, die illusion von einem ausbrechen auf zeit.