scheitern(hoch)x


gedanken aus der hocke
soll ich, oder soll ich noch nicht aufstehen?
eine unentschlossenheit, die sich nicht zerstreuen lässt, ist ein flugzeug, das nie landen wird.
 

falls man nicht schon am morgen glaubt, man ist erfolgreich, was ist man dann den ganzen tag lang?
man ist sich seines erfolgswahnes selten bewusst, weil man seit der geburt und wahrscheinlich schon im mutterleib unter ihm leidet.
 

nach der privatisierung der kommunalen grossbetriebe wird
bald der wasserpreis steigen. man riecht es schon während
der stoss-zeiten in der u-bahn.

 
mitunter beim bilanzieren von lebensansprüchen das gefühl lediglich ein zustand zu sein. ein zustand zwischen trial und error als stehaufmänchen. doch wer beginnt, seine fähigkeit zum scheitern zu bewundern, der bildet sich wie ein lebens-künstler etwas darauf ein und will partout ein erfolgreicher
filou sein.
 

"born to be wild!"
was man sich nicht mehr zu träumen wagt, steht bereits auf grossen plakatwänden.
 

der marienkäfer auf dem grashalm in meiner hand krabbelt entgegen der schwerkraft stets auf die höher liegende seite. drehe ich den halm, so ändert er sofort seine richtung. fünf minuten lang bewundere ich sein beharrungsvermögen, dann gibt er auf und rührt sich nicht mehr. ein lebewesen, das über kein komplexes nervensystem verfügt, lässt sich nicht domestizieren.
 

mein leben als autor wird immer mehr zu einer scheinselb-ständigkeit. nehme ich als freigesetzte narrenexistenz meine niederlagen allzu ernst, muss ich sie vor niemandem als vor mir selbst rechtfertigen. ich kann ohne rücksichten alles sagen, mit der geste einer gelassenen endgültigkeit.
 

Bernardo Soares: jene immer unmoralische wut. ich leide nicht unter enttäuschungen, ich erleide sie. bin ich nicht enttäuscht, dann leide ich darunter, dass ich nicht leide.
 

da durchlittene krisen zu den wichtigen erfahrungen im lauf des lebens werden, ist es letztendlich enttäuschender, nicht enttäuscht zu werden.
 

nach dem juckreiz ist vor dem juckreiz.
das gesteigerte bewusstsein für eigene schwächen beim handwerken ... um sich ihrer stets wieder neu in weiteren projekten zu vergewissern.
 

soweit es möglich ist, aufwühlende horror- und actionfilme meiden. unwesentlich ist, was nicht völlig verstört.
 

selbst wer nichts zustande bringt, sich nicht verwirklichen kann oder will, muss sich bis zur völligen verausgabung erschöpfen. der verlierer ist eine parodie des helden.
 

das ideal einer kunst behaupten, welche zu nichts brauchbar ist und niemandem nützt. d.h. um sich jeder vereinnahmung zu entziehen, eine artistik des NICHTkönnens anstreben.
 

"was man verengen will, muss erweitert werden. was man schwächen will, muss gestärkt werden..." wenn ich aus einer unruhe heraus auf das Daudedsching von Laudse stosse, finde ich zu einer angenehmen gelassenheit. doch wenn ich bereits mit einem gefühl der gelassenheit ihn zu lesen beginne, verliere ich sie bald wieder.
 

die grosszügigkeit eines personengedächtnisses: man glaubt, mehr über die verlierer als über die gewinner zu wissen, weil man das stärker wahrnimmt und länger in erinnerung behält, was einem fremd ist.
 

modifizierter Cioran: man kann sich am besten vorstellen, wie man selber verkommt. aber man kann es sich nur vorstellen. eine richtig erlittene niederlage ist der allerkleinste teil einer menschlichen erfahrung.
 

der hinterhof ist heute entzündet von einem vogelgeschrei. und ich leide eigentlich lieber an bauchschmerzen oder an einem halskatarrh als an kopfschmerzen. wer es schafft, körperliche indispositionen gegeneinander auszuspielen, kann sie sich zuweilen vom leibe halten.
 

ich muss wieder was auf die beine stellen, um den handstand aufzugeben. ich bin zur verwandlung fähig und könnte ein ganz anderes leben führen, doch ich habe zu viel einfluss auf meine zukunft.
 

die blinden flecken einer anamnese, die dauern oder übermalt werden. man weiss, dass man sich etwas vormacht, dass man sich selbst betrügt. und man weiss es selbst als geistreicher superheld immer zu spät.
 

meine authentischen ansprüche und meine auch simulierten simulationen.
haben sich irgendwann alle trugbilder aufgebraucht, liegen in einem vakuum die nerven blank.
 

warten und warten. durch den tag, durch die bestirnte nacht.
intergalaktische explosionen sind nur als lichtjahre entfernte vergangenheiten wahrnehmbar. ein grosses inferno ist ein posthumes ereignis.
 

nicht gegen, sondern für windmühlen kämpfen.
also kein Don Quixote im täglichen überlebenslauf sein.
 

sich von allen hirngespinsten lösen, sich über jede sinnsuche erheben, um von keiner enttäuschung eingeholt zu werden.
und doch wird man bald jede abgeklärtheit, jede seelenruhe
als eine provokation empfinden.
 

Borges: das sich selbst erkennende denken muss mit allem einverstanden sein. ohne wenn und aber.
 

"jede krise ist ein geschenk des schicksals an den schaffenden menschen."
Stefan Zweig
 

wieder endet ein jahr der geldknappheit und des standhaltens.
es ist das problem von existenziellen problemen, dass sie zu erträglich sind.
 

hat man zu viel ehrgeiz, schämt man sich für sein streben, und hat man zu wenig, ist es beängstigend. ALLES SCHEITERN IST EINE PARODIE DES GROSSEN SCHEITERNS.