mikado als symptom
liegt er mit einer Grippe danieder, ist das Über-Ich geschwächt und lässt verwegen assoziative Gedanken zu. sie sind in letzter Zeit schwermütige Eingebungen, die aus einer ungeahnten Tiefe auftauchen. mit dunklen Imaginationen versuchen sie, sich einen Weg in die Sprache zu bahnen und dies erratisch, so dass Deutungen fehllaufen. beginnt er jene Ingeniosität festzuhalten, dann wird schlimmstenfalls notiert, dass ein trauriger Schreiber an einem Computer sitzt und freiweg aufschreibt, was ein trauriger Schreiber an einem Computer aufschreibt. im melancholischen Zustand ist der Mensch ein Wesen mit schwarzer Galle im Blut, meinten die antiken Ärzte. jener Cocktail könne zur Genialität oder zum Wahnsinn führen, oder wie bei ihm zu einer imposanten Mischung von beidem. Aristoteles verband die Schwermut mit besonderen Geistesgaben, doch war für ihn das Ziel des Denkens nicht eine Melancholie, sondern die Glückseligkeit. er meinte, man müsse seinen melancholischen Gedanken die Welt der wahren Philosophie eudaimonisch entgegensetzen.
doch eignet sich die Philosophie tatsächlich dafür? sie stellt seit jeher obstinate Fragen nach dem Sinn allen Strebens und dementsprechend abgründig sind ihre Antworten. was also tun, insofern einen die Zumutung des Lebens lähmt statt befördert, in die Knie zwingt und nicht erhebt? führt das verzweifelte Zweifeln zu einer kathartischen Erlösung, relativiert sich ein moralisch verbrämter Konsenszwang. trübe Phasen können dann ein Trigger sein, die das unglückliche Bewusstsein erträgt, dieweil es sich Mass nimmt und die Welt verliert. eine solche Haltung stimmt grosso modo versöhnlich und regt dazu an, als beschränktes Wesen über die Unendlichkeit nachzudenken. er muss es immer nüchtern, wenn ihn sein jüngster Sohn nach der Summe von Unendlichkeiten fragt. in jungen Jahren hat er sich dafür ebenso interessiert und später mutig Cantors Mengenlehre exploriert, welche ihn so lange nicht los liess, bis er sie halbwegs verstanden hatte.
viel einfacher war es, als Jugendlicher ein bisschen Punk zu sein. das belebte als gelebte Paradoxie die Pubertät. wie manch anderer seiner Generation verweigerte er sich nicht einfach den etablierten Wertesystemen, sondern erhob mit einer verwegenen Kleidung das Abstossende zu einem persönlichen Habitus. er wollte es wie ein Kyniker ausprobieren und entdeckte während der Pennälerzeit das Absurde als Handlungsprinzip. seine disparite Verwegenheit war keine Realitätsverweigerung und auch keine übliche Kostümierung mit einem zuckergestärkten Irokesenkamm. nein, im Gegenteil, er führte ohne erkennbare Distinktion das Leben eines Schelms, der nicht abwarten und in Deckung gehen wollte, bis die Zeiten bessere wurden. er ritt blindlings drauflos, schlug die Sporen in die Flanken und vergass, dass das Pferd, das er dabei tranchierte, er selbst war.